Stirnlampe, Wechselsocken, Campingstuhl im eigenen Pavillon, genug Kalorien für die nächsten 24 oder mehr Stunden – die Packliste für einen Backyard Ultra wird von den meisten von uns bis ins letzte Detail durchdacht. Und dann gibt es da noch dieses eine Fach im Verbandskasten, über das kaum jemand offen spricht: die Packung Ibuprofen, unter Läuferinnen und Läufern nicht ganz zufällig „Vitamin I“ genannt. „Nur für den Notfall“, sagt man sich vor dem Start. Nach der fünfzehnten Runde ist der Notfall dann plötzlich jede Stunde derselbe.
Zeit, das offen anzusprechen: Schmerzmittel haben in der Backyard-Ausrüstung nichts verloren. Nicht aus Prinzipienreiterei, sondern weil sie in genau diesem Format zwei Dinge gleichzeitig sind – Selbstbetrug und ein echtes Gesundheitsrisiko. Auf das gesundheitliche und medizinische Risiko möchte ich aufgrund fehlender Kompetenz in dem Text nicht eingehen. Als ambitionierter Läufer möchte ich aber etwas zum Thema Selbstbetrug schreiben.
Ein Backyard Ultra testet nicht deine Beine – er testet deinen Willen
Das Format ist so konstruiert, dass Tempo fast irrelevant wird. Jede volle Stunde die gleiche Distanz, egal wie schnell du sie läufst – wer übrig bleibt, gewinnt. Ob du eine Runde in 40 oder in 58 Minuten schaffst, spielt für das Ergebnis keine Rolle, solange du pünktlich am Start stehst. Was am Ende entscheidet, ist etwas ganz anderes: Wer hört als Letzter auf, obwohl Kopf und Körper längst dagegen argumentieren?
Mit jeder Runde addieren sich Gelenkbelastung, Sehnenreizung, wunde Füße und die diffuse Erschöpfung, die einfach dazugehört, wenn der Körper seit Stunden läuft statt schläft. Und mit jeder Stunde stellt sich dieselbe Frage neu: Schaffst du noch eine? Genau deshalb wird der Backyard Ultra ab einem gewissen Punkt zu einem reinen Willenstest. Die Beine könnten oft noch mehr – die eigentliche Frage ist, ob du bereit bist, dafür durch echtes Unbehagen zu gehen. Dieses Unbehagen ist kein Nebeneffekt des Formats. Es ist der eigentliche Prüfstoff.
Der Selbstbetrug: Du reduzierst den Schmerz – gemessen wird dein Wille aber genau daran
Und hier wird es interessant: Wenn dein Wille in einem Backyard Ultra eigentlich über den Schmerz getestet wird, dann tut eine Tablette, die diesen Schmerz reduziert, etwas anderes, als du dir vielleicht einredest. Sie hilft dir nicht, den Test zu bestehen. Sie macht ihn leichter – und lässt dich trotzdem glauben, du hättest ihn in voller Härte bestanden.
Stell dir einen Wettbewerb vor, bei dem gemessen wird, wie lange jemand ein schweres Gewicht mit ausgestrecktem Arm oben halten kann. Der Punkt, an dem die meisten aufgeben, ist nicht der Punkt, an dem der Arm objektiv nicht mehr kann – es ist der Punkt, an dem der Schmerz im Muskel so groß wird, dass der Wille nachgibt. Wer heimlich ein Mittel nimmt, das genau diesen Schmerz dämpft, hält den Arm am Ende vielleicht tatsächlich länger oben. Bewiesen hat diese Person damit aber nicht, dass ihr Wille stärker ist – sie hat den Maßstab verschoben, an dem sich der Wille eigentlich hätte messen müssen.
Mit Ibuprofen im Blut passiert bei einem Backyard Ultra im Prinzip dasselbe. Du stehst nach 20 – 30 Runden vielleicht tatsächlich noch auf dem Platz. Aber ein Teil dieser Runden wurde nicht mit Willenskraft erkauft, sondern mit Chemie, die genau die Größe abschwächt, über die dein Wille die ganze Zeit geprüft wurde.
Das Tückische daran: Dieser Unterschied bleibt nach außen unsichtbar – und das macht die Einschätzung für alle schwerer, nicht nur für dich selbst. Deine Crew schätzt zwischen den Runden auch anhand deines Umgangs mit Schmerz ein, ob noch eine Runde drin ist. Die Rennleitung verlässt sich darauf, dass sichtbare Warnzeichen echt sind. Und du selbst nutzt dein eigenes Schmerzempfinden, um zu entscheiden, ob du weitermachen kannst. Ist der Schmerz medikamentös gedämpft, wird genau diese Einschätzung ungenauer – für die Crew, für die Veranstalter und für dich selbst. Das ist der Kern des Selbstbetrugs: Du darfst dir erzählen, du hättest dich ehrlich durchgekämpft, obwohl weder du noch die Menschen um dich herum in diesem Moment noch zuverlässig einschätzen konnten, wie es wirklich um dich stand.
Die Erschöpfung, der Schlafmangel, die Logistik zwischen den Runden – all das bleibt so real wie eh und je, Ibuprofen hin oder her. Aber ausgerechnet der Schmerz, das Element, durch das ein Backyard Ultra überhaupt erst zu einem Test des Willens wird, wird gezielt kleingehalten. Und mit weniger Schmerz ist die Frage „Wie lange hältst du durch?“ nicht mehr dieselbe Frage wie bei allen anderen auf der Strecke.
Der naheliegende Einwand: Koffein reduziert auch Unbehagen
Berechtigter Punkt, und er lohnt eine ehrliche Antwort. Wenn wirklich jedes Mittel, das Unbehagen reduziert, automatisch Selbstbetrug wäre, müsste man auch Musik, ein aufmunterndes Gespräch mit der Crew oder ein Gel mit viel Zucker dazuzählen. Es lohnt sich also, genauer hinzuschauen, was Ibuprofen von zum Beispiel Koffein unterscheidet.
Koffein wirkt vor allem auf Wachheit und Antrieb – es hält dich klar genug, um die Frage „noch eine Runde oder nicht“ überhaupt bewusst zu stellen. Der Effekt auf das allgemeine Anstrengungsempfinden ist dabei eher ein Nebeneffekt der Wachheit, keine direkte Wirkung auf die Schmerzverarbeitung. Ibuprofen dagegen wirkt direkt auf die Schmerzwahrnehmung – also genau auf die Größe, über die dein Wille geprüft wird. Dazu kommt ein zweiter Unterschied: Ein stechender Schmerz in der Sehne ist eine Diagnose, er sagt dir etwas über den Zustand deines Gewebes. Müdigkeit nach 20 wachen Stunden sagt dir das nicht – du bist müde, weil du lange wach bist, nicht weil sich strukturell etwas verschlechtert.
Und schließlich unterscheidet sich das Risiko in der Größenordnung: Koffein ist in den bei Ultraläufen üblichen Mengen für die meisten gut verträglich, Ibuprofen dagegen trifft ausgerechnet die Organe, die durch Hitze, Schweißverlust und stundenlange Belastung ohnehin am stärksten gefordert sind.
Ganz sauber ist die Trennlinie damit trotzdem nicht. Wer literweise Koffein in sich hineinschüttet, nur um den „Ich will aufhören“-Moment wegzudrücken, bewegt sich in eine ähnliche Richtung wie mit Ibuprofen – nur über Müdigkeit statt über Schmerz, und mit sanfterem Effekt. Auch das verdient einen ehrlichen Blick, nicht nur die Tablette im Verbandskasten.
Was du stattdessen tun kannst
- Trainiere den Umgang mit Unbehagen, statt ihn zu eliminieren. Wer in langen Trainingsläufen lernt, mit brennenden Füßen oder müden Beinen weiterzuverhandeln, statt sofort zu reagieren, übt genau die Fähigkeit, die im Rennen zählt.
- Rede mit deiner Crew. Lass sie deinen Zustand einschätzen und dich motivieren wieder an den Start zu gehen.
- Kümmere dich um die Ursache statt um das Symptom: Blasenversorgung, Schuhwechsel, Kompression, eine bewusste kurze Pause. Das kostet Zeit, verändert aber tatsächlich etwas, statt es nur zu übertönen.
- Baue Erfahrung auf. Laufe viele Backyards. Im Wettkampf oder der Simulation. Finde heraus, was dich stoppt und was du dagegen tun kannst.
Und manchmal ist ein DNF einfach die richtige Antwort
Ein DNF nach 18 Runden, weil dein Knie dir ehrlich gesagt hat, dass Schluss ist, ist ein ehrliches Ergebnis. Du hast den Test so absolviert, wie er es verlangt hat, und die Antwort war „bis hierhin und nicht weiter“. Ein Ibuprofen-gestütztes „Ich habe noch zehn Runden mehr geschafft“ ist dagegen eine Zahl, der du selbst am wenigsten trauen kannst – und eine, für die dein Körper am Ende oft mehr bezahlt, als sie wert war.
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